Dr. Mathias Höschel

Anschlag von Halle

Der Anschlag in Halle hat auch in Düsseldorf Betroffenheit und Entsetzen ausgelöst. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass der Judenhass in Deutschland bereits vorher das höchste Niveau seit 1945 hatte. Und die Bedrohungen kommen von rechts, links und von islamistischer Seite. Jetzt ist Solidarität mit Juden auch abseits von Gedenkfeiern und Mahnwachen nötig.

Dass viele politisch aktive Menschen den Anschlag von Halle bereits jetzt als Einschnitt betrachten, ist leicht zu verstehen: Denn auch wenn die beiden Opfer, die der Attentäter aus Frust über seinen gescheiterten Anschlag kaltblütig ermordet hat, auf gar keinen Fall vergessen werden dürfen, wollte er einen Terror-Anschlag auf eine Synagoge. Der nur verhindert wurde, weil deren Eingangstür nicht zu überwinden war. Und der Gedanke, dass nur eine massive Eingangstür ein Blutbad in der Synagoge verhindert hat, entsetzt und schockiert zutiefst.

In Düsseldorf versammelten sich rund 300 Menschen am Tag darauf vor der Synagoge der Jüdischen Gemeinde zu einer schweigenden Mahnwache. Kurzfristig organisiert wurde diese von Bastian Fleermann, dem Leiter der Mahn- und Gedenkstätte, und Volker Neupert vom Bündnis „Respekt und Mut“. „Dieses Zeichen gegen Antisemitismus ist nicht Aufgabe der jüdischen Minderheit, sondern der nicht-jüdischen Mehrheit in unserer Stadt“, sagte Fleermann.

Antisemitismus längst zur Normalität geworden

Aber gerade weil Halle schon jetzt als Einschnitt gilt, dürfen wir nicht vergessen, dass der Antisemitismus in Deutschland bereits in den Jahren zuvor auf schleichende Art längst wieder zur Normalität geworden ist. So gibt es in Städten wie Mönchengladbach kaum noch männliche Juden, die mit einer Kippa auf die Straße gehen. In Reden von Politikern wird zwar immer beschworen, dies nicht zuzulassen. In Wahrheit aber hat die Politik das bereits zugelassen. Und auch die Gesellschaft hat sich längst daran gewöhnt, dass Juden auf deutschen Straßen nur noch sicher sind, wenn sie sich nicht als Juden zu erkennen geben. Dieser Zustand ist uns allen seit Jahren bekannt, hatte aber im Gegensatz zu vielem anderen weder einen Aufschrei noch Proteste zur Folge.

Ein Patentrezept gegen Antisemitismus, das wir jetzt schnell aus der Schublade holen könnten, hat es nie gegeben und wird es nie geben. So haben auch all die Antisemitismus-Beauftragten, die in den letzten Jahren im Bund und in den Ländern ernannt wurden, nicht verhindern können, dass der Judenhass in Deutschland bereits vor Halle das höchste Niveau seit 1945 erreicht hat. Aber vielleicht wäre es ja ein Anfang, wenn wir uns einige Dinge bewusst machen würden, über alle Parteigrenzen und politischen Lager hinweg.

Erstens: Im Gegensatz zu 1942 haben Juden heute einen sicheren Zufluchtsort, nämlich den Staat Israel. Das ist – bis dahin betrachtet – schon einmal sehr beruhigend. Trotzdem sollten wir endlich zuhören und es ernst nehmen, wenn Juden laut über das Auswandern nachdenken. So hat etwa Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD), bereits im Juli 2018 davon gesprochen, dass in Deutschland derzeit 130.000 Juden lebten. „Diese 130.000 kriegen wir in einer Woche ausgeflogen“, sagte er in einer Rede auf dem Heinrich-Heine-Platz. „Aber mir wird Angst und Bange bei dem Gedanken, dass Sie dann mit denen leben müssen, die das herbeigeführt haben.“

Zugehört wurde ihm jedoch nicht, so manche Medien zitierten diese Aussage nicht einmal. Ähnliche Erfahrungen machte Oded Horowitz, Vorstandsvorsitzender der JGD und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden im Rheinland. Als Horowitz im September 2018 in einem Interview davon sprach, dass viele junge Juden nach der Beendigung ihrer Berufsausbildung „woanders hingehen“, etwa nach London, New York oder Israel, weil sie dort ihr „jüdisch-sein natürlicher leben können“, fand das ebenfalls kaum Beachtung. Ganz offensichtlich ist uns immer noch nicht bewusst, welches Armutszeugnis es für uns alle wäre, wenn Juden Deutschland zum zweiten Mal innerhalb von 100 Jahren aus Angst um ihre Sicherheit verlassen müssen.

Bedrohungen von rechts, links und islamistischer Seite

Zweitens: Wem helfen die Debatten, ob die Ursachen im „alten“, also im heimischen Antisemitismus, oder im „importierten“, durch Migrationsströme aus antisemitisch geprägten Ländern Judenhass, zu sehen sind? Fakt ist doch, dass hier beides auf unheilvolle Weise zusammenkommt: Der „alte“, also der heimische Antisemitismus, war nie weg. Und der durch Migration neu hinzugekommene Judenhass ist ebenfalls traurige Realität. Hinzu kommt ein immer bösartigerer linker Antisemitismus, etwa in Gestalt der BDS-Bewegung oder der sogenannten „Israel-Kritik“.

Jetzt mit dem Finger auf eine dieser Antisemitismus-Formen zu zeigen und diese als die Wurzel allen Übels darzustellen, dient allenfalls dem Zweck, von den jeweils anderen gegenwärtigen Formen des Judenhasses abzulenken. Hier wären wir gut beraten, ganz nüchtern zur Kenntnis zu nehmen, dass die in Deutschland lebenden Juden derzeit von drei Seiten bedroht werden; von rechts, von links und von islamistischer Seite. Und jede dieser Seiten agiert immer ungehemmter.

Drittens: Die Erinnerungskultur, also die Erinnerung an die Shoa, muss natürlich weitergeführt werden. Die Angriffe vereinzelter AfD-Politiker auf die Erinnerungskultur, die es in den letzten Jahren gegeben hat, waren unerträglich. Erinnerungsstätten wie die Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf leisten wertvolle Arbeit und müssen weiter unterstützt werden. Aber damit, neuen Antisemitismus zu verhindern, ist die Erinnerungskultur völlig überfordert. Die Entwicklung der letzten fünf Jahre hat deutlich gezeigt, dass die Hoffnung, mehr Erinnerungskultur bedeute weniger Judenhass, lediglich ein Wunschtraum war.
Und wenn dann, wie es in den letzten Jahren in Mönchengladbach zu sehen war, Kommunalpolitiker mehrfach im Jahr Stolpersteine putzen oder neu verlegen lassen, für die Hilferufe der lebenden Juden, die dort seit Jahrzehnten mit einem inzwischen viel zu kleinen Gemeindezentrum zurechtkommen zu müssen, aber kein Gehör mehr haben, dann läuft etwas gewaltig schief! Dann darf man sich auch nicht wundern, wenn Vertreter der Jüdischen Gemeinde Gedenkfeiern zum 9. November auch dazu nutzen, der Politik vorzuwerfen, sie sei mehr um tote Juden besorgt als um lebende.

Natürlich sind auch Stolpersteine wichtig. Aber unsere Aufmerksamkeit muss jetzt den lebenden Juden gelten; sie sind es, denen wir zuhören müssen. Sie sind es, die unsere Solidarität und Unterstützung verdient haben. Und zwar nicht nur auf Gedenkfeiern und Mahnwachen, sondern jeden Tag und überall.